River Plate – Ein schlechter Gast in der Avellaneda

Argentinien ist ein Einwanderungsland und in seinen Stadien – In der „cancha“ – treffen alle Parallelgesellschaften der zweitgrössten Nation Südamerikas aufeinander. Manchmal mit Problemen.
Es ist nicht nur der massive Unterschied zwischen Arm und Reich oder der Hass auf Polizei und Staat, welcher das Gewaltpotenzial rund um den argentinischen Fussball erhöhen. Auch die verbale Diskriminierung von Fans aus ärmeren Verhältnissen – damit sind zumeist Bolivianer, Peruaner oder Paraguayaner gemeint – schürt Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen.

Die Themen Rassismus und Diskriminierung sind schwierige. Gerne versteckt sich der Argentinier hinter dem Ruf seiner Weltoffenheit. Die gibt es, jedoch meist mit dem sehnsüchtigen Blick über den Atlantik und dem Rücken zum eigenen Kontinent.

„Millionarios“ und „Negros“

Auffällig werden diese unterdrückten Phänomene, wenn Fans wie die von River Plate sich stolz als „Millionäre“ bezeichnen und am Spieltag ihr Repertoire an feindlichen Gesängen gegen die „Schwarzen“ von Boca und Sarandì vorführen.

So geschehen am abgelaufenen 9. Spieltag des Torneo Inicial beim Spiel zwischen dem Meister Arsenal de Sarandì und River Plate. In beiden Halbzeiten hörte Schiedsrichter Nestor Pitana einen bekannten rassistischen Gesang aus der ausverkauften Gästekurve und unterbrach die Partie. Es folgte eine kurze Diskussion mit dem Kapitän sowie eine Kommunikation mit dem Stadionsprecher, welcher daraufhin aufforderte die Beleidigungen zu unterlassen.

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Wechsel auf beiden Seiten – River dominiert die 90 Minuten und wird mit 4:0 siegen.

Der reiche Norden und „La Boca“

Buenos Aires ist das perfekte Beispiel für Gesellschaftsspaltung  in einem Land, dessen Eliten lange versuchten die Bevölkerung zu homogenisieren. Stets wurden die Einwanderer aus dem reichen Europa herzlicher empfangen als solche aus Paraguay, Bolivien oder Peru. Im Erscheinungsbild der Hauptstadt setzt sich das fort.
In den nördlichen Stadtteilen Palermo, Belgrano oder Caballito leben vorzüglich  die europäischstämmigen Argentinier  – Diese Viertel gelten als „besser“ und wohlhabender.

Auch La Boca zog damals Europäer an. Überwiegend italienische Migranten prägten den Stadtteil am Boden des Hafens.
Boca liegt südlich, etwa einen halbstündigen Fußmarsch vom belebten Zentrum entfernt. Es ist touristisch erschlossen, gilt jedoch in Abhängigkeit von der Tageszeit als unsicher. Weiter im Süden schließt sich das Industriegebiet Avellaneda an. Hier spielt auch Arsenal Sarandì.

Ein Grossteil der bekannten „Villas“, der Elendsviertel, liegt südlich und westlich um diese Gebiete. Sie entstanden unter anderem durch die Zuwanderung von Wirtschaftsflüchtlingen aus den armen Teilen Südamerikas.

Entsprechend zeigen sich diese Unterschiede auch im Erscheinungsbild der Fussballvereine aus den jeweiligen Barrios. Rivers „El Monumental“ liegt zwischen feinen Einfamilienhäusern – Um „La Bombonera“ und Arsenals „Julio H. Grondona“ reihen sich heruntergekommene Wohnungen und teils Wellblechunterkünfte.
Gegen die Bewohner der Villas richten sich die Ausfälle der Fans von River Plate.

Der Verband kennt das Problem

Jedenfalls beim Spiel zwischen Sarandì und River wirkte der unparteiische geschult und aufmerksam.
Selbst meine argentinischen Sitznachbarn wussten erst nach der Durchsage des Stadionsprechers, um welchen Gesang es sich handelt – die Buh-Rufe der Heimkurve folgten ebenfalls erst der Ermahnung.

Kennt man den Sprachgebrauch, so versteht sich Rivers Liedgut zumindest weitaus weniger schockierend, als die rassistischen und antisemitischen Beleidigungen, wie sie in Deutschland wiederholt vorkamen (2006). Da es sich selten und wie eben nicht hier, um Einzelfälle handelt, sollte das „Hinhören“ in den Fanblock auch in Deutschland Aufgabe der Schiedsrichter sein. Oft genug kommt es zu eindeutig rassistischen Beschimpfungen aus den Kurven – und dabei sind die Dauergesänge deutscher Ultras im Gegensatz zum nach wie vor sehr variablen Liedgut in Südamerika leicht von diskriminierendem Gebrüll zu unterscheiden.

Spielunterbrechungen und Durchsagen sind das Mindeste. Ob Strafen für den Verein der „Millionarios“ folgen wird sich zeigen.

Bis dahin die schönen Momente von Arsenal de Sarandì gegen River Plate:

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