Der andere Fußball

Ein Gastbeitrag für den wunderbaren Blog Argifutbol

Der Wecker klingelt um 7 Uhr Morgens. In Buenos Aires ist gerade die Sonne aufgegangen. Nichts könnte einen um diese Zeit an einem Sonntag wecken – wäre es nicht der argentinische Fußball.
Ab der zweiten Liga haben einige Vereine stets das zweifelhafte Glück ihre Spiele um 11 Uhr in der Früh austragen zu dürfen. Heute geht es also schlaftrunken zum Club Atlètico Colegiales in Munro, nördlich von Buenos Aires.

Ich liebe den colectivo 130. Er kommt aus La Boca, bringt Dich vorbei am Hipodrom zum „El Monumental“ von River Plate, nach Munro und Boulognes Sur Mer. Um diese Uhrzeit fährt er Betrunkene zurück in die nördlichen Vororte der Hauptstadt und mich zum Spiel von Colegiales gegen Los Andes.

Das Estadio Libertario Unidos liegt in einem ruhigen Wohngebiet von Munro. Die Fahrt dauert heute etwa 2 Stunden. Die Backsteinwände des „Libertario Unidos“ sind kunstvoll bemalt und das Stadion ansonsten nicht als solches auszumachen.
Ich hatte befürchtet als einziger die Partie zu sehen. Etwa 500 Argentinier raffen sich jedoch früh genug auf um ein ansehnliches Spiel zu verfolgen.

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Von der Haupttribüne aus lässt sich eine kleine Halle einsehen. Hier macht sich das Heimteam warm und bespricht die Taktik, man gibt sich nah an den Fans. In der Halle und später an den Zäunen unterhalten sich die Spieler mit Zuschauern und begrüßen Bekannte.

Die Atmosphäre um Boca, River und Independiente gibt einem die Gänsehaut – Argentiniens dritte Liga, die Primera B, ist etwas fürs Herz des Fußballbegeisterten.

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Die Partie selbst hat einiges zu bieten. Chancen, einige mit Applaus bedachte Spielzüge und nicht zuletzt ein Traumtor zum Abschluss machen den „Fußballmorgen“ perfekt. Colegiales dominiert das Spiel, verliert schließlich jedoch mit 0:2. Schmähungen bleiben aus – Der Volleytreffer aus 20 Metern hat den Heimfans sichtlich die Sprache verschlagen.

Eine Reise zu den kleinen Vereinen in Buenos Aires lohnt. Immer wieder zischt einem der Satz „Hier ist der Fußball zu Hause“ durch den Kopf. Der Geruch von Choripan, Fernet und Rauchfackeln, verbunden mit den hörbaren Diskussionen zwischen Spielern und Schiedsrichter zwingt einem ein Lächeln aufs Gesicht.
Wer genau dieses Fußballerlebnis sucht geht zu Ferro Carril Oeste, Atlanta, den Chacarita Juniors oder eben zum Club Atlètico Colegiales.

El otro fùtbol

Wer Spanisch versteht und diesen „anderen Fußball“ mag, der sei auf den Film „El otro fùtbol“ von Federico Peretti hingewiesen. Hier stehen die unteren Ligen des argentinischen Fußballs, seine Kuriositäten und seine Faszination im Mittelpunkt. Der Titel, sofern er nicht deshalb gewählt ist, klingt unglücklich. Es ist nicht „der andere“, sondern genau DER Fußball, den Peretti zu vermitteln versucht. Ein Fan, der zum Trainer wird, der Wind in Patagonien als zwölfter Spieler und Vereinshelden in ihrer Verabschiedung – Helden des Fußballalltags, welche in einem Land des wirtschaftlichen Dauerdisasters so wichtig sind.

Danach steht fest: Argentinien hat neben Boca, River und den anderen Verdächtigen noch einiges mehr zu bieten.

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